Das Kino im Kopf
- Written by Gerry Jochum
- Published in UNTERHALTUNG
Bild ist KI generiert
Manche liebten den surrealen Kick der Geschichten und das Fehlen einer linearen Erzählstruktur.
Die 82. Filmfestspiele von Venedig
von Gerry Jochum
Längst war das Kino abgelöst worden – von Träumen.
Von selbst produzierten Filmen.
Jede Nacht hergestellt und inszeniert
im eigenen Kopf.
Bereits vor Jahren war es gelungen, diese nach außen zu visualisieren. Auf Wunsch wurden sie behutsam dramaturgisch von einer weit entwickelten KI bearbeitet.
Schauspieler im herkömmlichen Sinne waren überflüssig geworden. Darsteller war nicht nur der Träumende selbst, sondern auch die Menschen in seinem Umfeld oder fiktive Charaktere. Manche liebten den surrealen Kick der Geschichten und das Fehlen einer linearen Erzählstruktur. Tragisch jedoch war, dass sie dadurch nicht nur anhand von Daten, sondern vorwiegend durch ihre Gedanken manipulierbar wurden. Denn die Übertragung der Bilder und Geschichten fand nicht mehr ausgelagert über Screens statt, sondern wurde direkt über die Gehirnwellen an die teilnehmenden Konsumenten übertragen. Das heißt: Dein Traum wurde dem Publikum auf diesem Wege quasi intravenös serviert. Darauf ein harter Schnitt in die Gegenwart.
Zeitlich nicht allzu weit entfernt von dieser Vision. Wir schauen aus der Vogelperspektive auf die Lagunenstadt. Zoomen langsam heran und finden uns völlig analog an der Station Santa Maria Elisabetta wieder. Hier legen die Boote an, die vom Flughafen oder Bahnhof kommen.
Das Einfallstor zur Mostra del Cinema. Hier mischt sich der verwehende Geruch des Dieselaggregats bereits mit dem von frisch gebrühtem Espresso. Man ist in der Lagune angekommen. Seit 35 Jahren besuche ich das Festival. Und nur dreimal bin ich nicht dort gewesen. Man sollte meinen, so alt wäre ich gar nicht. Nun, könnte ich daraufhin sagen, bei meinem ersten Besuch war ich zehn. Das stimmt natürlich auch nicht. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Im Nachhinein wird mit großer Wahrscheinlichkeit wieder behauptet werden, dieses Festival sei das beste seit langem gewesen. Nicht nur was die Filme anbetrifft, sondern auch die Stars.
Bereits der Eröffnungsfilm La grazia von Paolo Sorrentino fing das italienische Lebensgefühl perfekt ein und brachte seinem Hauptdarsteller am Ende die Coppa Volpi als bester Darsteller ein. Wenn dann die Sonne über der Lagune untergeht, verlagert sich das Spektakel vom roten Teppich des Lido auf die exklusiven After-Show-Partys in den historischen Palazzi. Das Gefühl, nachts mit dem Wassertaxi über das dunkle Wasser zu gleiten, um zu den geheimen Hotspots zu gelangen, lässt sich mit „magisch“ nur unzulänglich beschreiben. Direkt am Lido dagegen entwickelten sich die Campari Lounge sowie die Terrazza Biennale zum pulsierenden Herzstück der Premierennächte.
Nach dem Eröffnungsfilm stieß der frisch gekrönte Preisträger Toni Servillo hier mit der Crew an. Natürlich brodelt hinter den Kulissen die Gerüchteküche. Ein absolut herrlicher Insider betraf das ungleiche Duo George Clooney und Adam Sandler rund um ihr gemeinsames Netflix-Meisterwerk Jay Kelly. Am Lido tuschelte man amüsiert über ein Interview, in dem Sandler scherzte, er habe sich neben Clooney völlig unsichtbar gefühlt. Sobald Clooney den Raum betrat, starrten angeblich alle Frauen – und auch die Männer – nur noch ihn an, während Sandler einfach ignoriert wurde.
George Clooney wiederum konterte die Witze elegant und lobte seinen Co-Star bei den Medienterminen in höchsten Tönen: Sandler sei eben nicht nur ein genialer Komiker, sondern spiele hier eine so starke, ernste Rolle, dass er Clooney fast an die Wand spiele. Am Ende jedoch war der verdiente Gewinner des Goldenen Löwen Father Mother Sister Brother – ein ruhiges, kluges Meisterwerk von Jim Jarmusch über familiäre Bande mit einem wunderbaren Cast. Und auch nach der nächsten Mostra del Cinema wird man wieder sagen können, dies sei das beste Festival seit langem gewesen.
Gerry Jochum